Warten, warten, warten…

Die 300 km von Riga bis zur Kurischen Nehrung legen wir ohne größere Stops zurück. Von Litauen sehen wir eigentlich gar nichts, denn wir fahren nur etwa 100 km durch das vorletzte Land unseres Trips. Mit der Fähre setzen wir von Klaipeda (Memel) auf die Kurische Nehrung über. Dies ist eine Halbinsel, die sich von der Enklave Kaliningrad Oblast in Richtung Nordosten über eine Länge von 100 km hinzieht. Die Halbinsel ist an der breitesten etwa 4 km und an der schmalsten Stelle etwa 400 m breit und gehört zum UNESCO Kulturerbe. Etwa in der Mitte ist die Grenze zwischen Litauen und Russland und wir hoffen, dass es weniger Verkehr auf dieser Route bei der Einreise nach Russland gibt.

Wir machen kurz nach der Ankunft eine kleine Rast. Der Sprühregen kommt quer vom Meer und in wenigen Sekunden ist man klitschnass. Die Straße führt weitgehend gerade durch dichten Wald. Es gibt nur einige wenige Urlaubsorte auf der Halbinsel und beim Grenzort Nida die angeblich höchste Düne Europas. In Anbetracht des Wetters und der fortgeschrittenen Zeit machen wir keinen Halt und fahren durch bis zur Grenze an der bereits viele Teams anstehen. Wir sind circa 18:00 Uhr dort und der litauische Grenzbeamte meint, dass es mindestens 2 Stunden dauern würde. Die ersten Teams drehen bereits um, doch zum einen möchten wir Kaliningrad besuchen und zum zweiten Ist der Umweg durch Polen auch nicht gerade kurz. Obwohl alle etwas genervt sind, ist die Stimmung unter den Teams gut und wir stehen unter unserer Heckklappe halbwegs trocken und tauschen uns über unsere Erfahrungen, unsere Autos und alles Mögliche aus. Um 23:00 sind wir schließlich durch alle Kontrollen durch und rollen in Richtung Kaliningrad. Eigentlich wollten wir noch Essen gehen, fahren aber direkt in unser Hotel und fallen müde ins Bett.

Nach einem kleinen Frühstück mit gutem Kaffee fahren wir kurz zur Königsberger Kathedrale, die aber leider erst um 10:00 Uhr öffnet. Es regnet immer noch und wir machen einen kleinen Spaziergang um die Kirche. Wir lernen, dass neben der Kirche Immanuel Kant begraben ist.

Auf dem Weg zur Kirche überqueren wir die Honey Brücke und wie in vielen anderen Städten hängen auch dort die Verliebten ein Vorhängeschloss an die Brücke. Die Schlösser sind auffällig groß und solide gebaut. Wollen wir hoffen, dass die vielen Verliebten in Kaliningrad nicht zum statischen Problem für den Zugang zur Kathedrale werden.

Auf unserem Weg aus der Stadt durchfahren wir eher zufällig das Brandenburger Tor.

Die Straße durch das Tor führt uns direkt bis zur etwa 30 km entfernten Grenze. Wir nehmen absichtlich diesen Grenzübergang und hoffen, dass es dort schneller geht weil es eine Nebenstraße ist. Als wir auf den ersten Kontrollposten zurollen treffen wir zufällig wieder auf das Team Verfassungswidrig, die vor uns in der Schlange stehen. Das Prozedere auf der russischen Seite geht erstaunlich schnell. Dafür stehen wir auf der polnischen Seite in einer langen Schlange. Der Mann im Auto hinter uns klopft an unsere Scheibe und meint, dass wir in der Reihe für die Nicht-EU Fahrzeuge stehen und dass es links schneller ginge. Dennoch stehen wir auf der polnischen Seite deutlich länger an und insgesamt brauchen wir etwa eineinhalb Stunden bis wir durch sind. Immer noch deutlich besser als gestern. Geschafft. Das war der letzte Grenzübertritt mit Kontrolle während unseres Trips. Wenn man das ein paarmal mitgemacht hat, weiß man die EU und das Schengen-Abkommen echt wieder zu schätzen.

Wir machen aufgrund einer Empfehlung des Roadbooks einen kleinen Umweg über die Marienburg in Malbork, einer komplett aus Ziegel erbauten mittelalterlichen Burg.

Leider können wir uns nicht die Zeit nehmen, die Burg von innen zu besuchen. Wir wollen noch nach Danzig heute und müssen heute Abend auf jeden Fall noch ein gutes Stück in Richtung Westen fahren…

Nach Danzig sind es etwa noch 60 km und wir erreichen die Stadt mit dem malerischen Stadtkern gegen 15:00 Uhr. Wieder einmal plagt uns der Hunger und wir beschließen erstmal was essen zu gehen. Ganz instinktiv haben wir uns der Innenstadt genähert und finden einen Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Langen Marktes, der wohl bekanntesten Straße in Danzig. Wir sind bei deren Betreten überwältigt von den wunderschönen Fassaden, die diese Stadt mittelalterlich erscheinen lassen.

Wir wundern uns, dass die Stadt den zweiten Weltkrieg wohl relativ unbeschadet überlebt haben muss, dass es eine derartig schöne Bausubstanz in der gesamten Innenstadt gibt. Im Internet lese ich jedoch, dass Danzig zu 90% im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Die wunderschönen Fassaden entlang des Langen Marktes sind daher kaum älter als 50 Jahre, denn die Stadt wurde nach dem Krieg mithilfe alter Fotografien, Malereien und Stiche wiederaufgebaut.

Wir finden in zweiter Reihe zum Langen Markt ein polnisches Restaurant und probieren Piroggen, das sind gefüllte Nudelteigtaschen. Davor nehmen wir beide noch eine Suppe, Jogi einen Borschtsch und ich eine Zurek Wielkopolski, eine Suppe aus fermentiertem Roggen, die traditionell in einem Brot serviert wird.

Alles ist sehr lecker und wir gehen gestärkt auf unseren kurzen Gang durch die Innenstadt. Wir haben nicht mehr viel Zeit und laufen eine Parallelstraße des Langen Marktes bis zur Mottlau. Dort steht das Wahrzeichen der Stadt, das Krantor.

Wie schon so häufig auf dieser Tour, können wir uns nicht die Zeit nehmen, die Stadt etwas genauer zu erkundigen. Aber wir haben uns Appetit geholt und können uns sehr gut vorstellen mal wieder nach Danzig zu kommen.

Bei der Fahrt aus der Stadt machen wir noch in einer Mall halt und lassen unsere Beweisfotos für die verschiedenen Aufgaben aus dem Roadbook drucken. Wir haben es nicht so ernst genommen und nicht alle Aufgaben erfüllt. Daher rechnen wir nicht mit einem besonders guten Abschneiden, hatten aber dennoch unseren Spass. Jetzt sind wir unterwegs in Richtung Stettin. Vielleicht fahren wir auch über Usedom – mal sehen wie weit wir heute noch kommen.

Der letzte volle Tag unserer Baltic Sea Rallye geht zu Ende. Morgen fahren wir wieder in Hamburg ein. Unglaublich wie schnell die Zeit verging…

7 thoughts on “Warten, warten, warten…

  • Jetzt habe ich es endlich geschafft, alle eure Berichte zu lesen. Klasse! Ich sitze am Lago Maggiore und freue mich über eure Beheisterung! Wum, an dir ist ein Schriftsteller verloren gegangen. Man erlebt die Zeit richtig mit bzw nochmal mit, weil Thorstens Erlebnisse auch noch so präsent sind. Wir freuen uns sehr auf nächsten Samstag und auf eure Live-Berichterstattung. Kommt gut nach Hamburg!
    … und dann natürlich nach Hause

  • Super Reiseberichte Wum, weiß gar nicht, was ich nun nach Eurer Reise am Frühstückstisch lesen soll ;)? Kommt gut nach HH, unsere Jungs sind auf der Alster, der Rest der Hamburger auf den Demos….

    • Würde gerne noch ein bisschen weiterreisen und schreiben… hast du denn die Texte auf der Cornflakes-Packung schon durch?

  • Es war für uns „Daheimgebliebene“ ein Erlebnis, euch begleiten zu können. Danke für die erstklassigen Berichte und die wunderschönen Fotos. Euch noch einen krönenden Abschlusstag. Kommt gut nach Hamburg und danach wieder in die Ortenau.
    Wir sehen uns
    Gabi und Bernd

  • Eure Bericht haben auch uns an den Rechner gefesselt. Super und vielen Dank für diese Form des „mitfahrens“. Kommt noch gut nach HH und dann wieder nach Nussbach. LG Heiner und Margit

    • Vielen Dank fürs Mitfahren. In Hamburg sind wir eben angekommen. Den Rest schaffen wir auf der linken Backe nach über 8.000 km 🙂

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